Garten und Feldwirtschaft

 

Die Landgüterverordnung Karl des Großen
"Capitulare de villis et curtis imperialibus" 

Auch Könige und Kaiser lebten als oberste Grundherren von den Erträgen ihrer Felder und Güter, die sie und ihr zahlreiches Gefolge ernähren mußten. Deshalb entstand die Landgüterverordnung, die die genaue Verwaltung der Krongüter festlegte. In Kapitel 70 dieser Landgüterverordnung werden 73 Nutzpflanzen und 16 Obstbaumarten aufgezählt, die in den kaiserlichen Gärten angebaut werden sollten:

1. Weiße Lilie (lilium)  38. Diptam (diptamnum)
2. Rosen (rosas) 39. Senf (sinape)
3. Bockshornklee (fenigrecum) 40. Bohnenkraut (satureiam)
4. Frauenminze (costum) 41. Krauseminze (sisimbrium)
5. Salbei (salviam) 42. Wasserminze (mentam)
6. Raute (rutam) 43. Waldminze (mentastrum)
7. Eberraute (abrotanum) 44. Rainfarn (tanazitam)
8. Gurken (cucumeres) 45. Katzenminze (neptam)
9. Melonen (pepones)  46. Mutterkraut (febrefugiam)
10. Flaschenkürbisse (cucurbitas) 47. Mohn (papaver) 
11. Saubohnen (fasiolum) 48. Mangold (betas)
12. Kreuzkümmel (ciminum) 49. Haselwurz (vulgigina)
13. Rosmarin (rosmarinum) 50. Eibisch (mismalvas)
14. Kümmel (careium) 51. Malve (malvas)
15. Kichererbse (cicerum italicum) 52. Möhren (carvitas)
16. Meerzwiebel (squillam) 53. Pastinak (pastinacas)
17. Schwertlilie (gladiolum) 54. Gartenmelde (adripias)
18. Drachenwurz (dragantea) 55. Amarant (blidas)
19. Anis (anesum) 56. Kohlrabi (ravacaulos)
20. Koloquinten (coloquentidas) 57. Kohl (caulos)
21. Cichorie (solsequium) 58. Bärlauch (uniones)
22. Knorpelmöhre (ameum) 59. Schnittlauch (britlas)
23. Laserkraut (silum) 60. Porree, Lauch (porros)
24. Salat (iactucas) 61. Rettich (radices)
25. Schwarzkümmel (git) 62. Schalotten (ascalonicas)
26. Rauke (eruca alba) 63. Zwiebeln (cepas)
27. Brunnenkresse (nasturtium) 64. Knoblauch (allia)
28. Pestwurz, Klette (parduna) 65. Krapp (warentiam)
29. Poleiminze (peludium) 66. Weberkarden (cardones)
30. Schwarzes Gemüse (olisatum) 67. Große Bohnen (fabas majores)
31. Petersilie (petresilinum) 68. Felderbse (pisos Mauriscos)
32. Sellerie (apium) 69. Koriander (coriandrum)
33. Liebstöckel (ieuisticum) 70. Kerbel (cerfolium)
34. Sadebaum (savinam) 71. Springkraut (iacteridas)
35. Dill (anetum) 72. Muskattellersalbei (scareiam)
36. Fenchel (fenicolum) Und der Gärtner soll auf seinem Hause haben: (Et ille hortulanus habeat super domum suam:)
37. Endivien (intubas) 73. Hauswurz (jovis barbam)
Der Anbau folgender Obstbäume wurde angeordnet: 
1. Apfelbaum 9. Haselnußstrauch
2. Birnbaum 10. Mandelbaum
3. Pflaumenbaum 11. Maulbeerbaum
4. Speierling 12. Lorbeerbaum 
5. Mispelbaum  13. Pinie 
6. Edelkastanie  14. Feige
7. Pfirsich 15. Nußbaum
8. Quitte 16. Kirschbaum

 

Aufgrund der unterschiedlichen Klimaverhältnisse wuchsen nicht alle Pflanzen an jedem Standort, z.B. Feige und Lorbeerbaum, die sich im kälteren Norden nicht anbauen ließen. Grob lassen sich die Pflanzen in drei Kategorien einteilen, die sich manchmal überschneiden:

  • Nahrungspflanzen (als Lebensmittel)
  • Heilpflanzen (als Medizin)
  • Nutzpflanzen (Färbepflanzen, Herstellung von Stoffen und Seilen)

Erst im späteren Mittelalter begann man, Blumen einzig wegen ihrer Schönheit im Garten zu halten. 
Auch wenn uns noch viele der o.g. Pflanzen bekannt sind, darf man nicht vergessen, daß es sich bei den heutigen in der Regel um hochgezüchtete Exemplare handelt, die sich in Größe, Form und Geschmack deutlich von den mittelalterlichen Sorten unterscheiden! 

Das Wort "Garten" stammt übrigens nach Ansicht von Sprachwissenschaftlern von dem indogermanischen Wort gher ab, das in die Zeit ca. 3000 - 1000 Jahre v. Chr. zurückgeht und "fassen" bedeutet. Daraus entwickelte sich ghortos, das mit "das Eingefaßte, das Umfaßte" zu übersetzen ist. Der Zaun unterschied also den Garten vom Feld. In der Regel wurde der Zaun aus Weidenzweigen hergestellt, die zwischen den Zaunpfählen eingeflochten wurden.


Gerade den Klöstern verdanken wir einen großen Teil unseres heutigen Wissens über Pflanzenanbau, Veredelung und Vermehrung, da die Erkenntnisse von den schriftkundigen Mönchen in Aufzeichnungen festgehalten wurden. 
So seien hier nur genannt:


Walahfried Strabo (9. Jhd.), Abt des Benediktinerklosters Reichenau, dessen Gedicht Liber de cultura hortorum, in alten Schriften kurz Hortulus genannt, man als Lehrgedicht über den Gartenbau bezeichnen könnte. 


Albertus Magnus (13. Jhd.), Abt von Cirencester in England, dessen Prosa De Naturis Rerum drei Jahrhunderte lang als Pflanzenenzyklopädie galt. 

Auch Hildegard von Bingen (12.Jhd.), Äbtissin des Klosters auf dem Ruprechtsberg, verdanken wir viel Wissen gerade über die Heilkraft vieler Pflanzen. Ihr Wissen hielt sie in einem achtbändigen Werk fest. 

 

Die Dreifelderwirtschaft
Der jährliche Anbau auf immer dem selben Feld laugte den Boden schnell aus, wodurch die Erträge nach kurzer Zeit immer kärger wurden. Die im 12. Jhd. bereits weiträumig eingeführte Dreifelderwirtschaft behob durch eine längere Regenerationszeit der Flurstücke diesen Mangel. 
Das Land wurde in drei Felder (Sommerung, Winterung und Brache) eingeteilt. Auf dem ersten säte man Wintergetreide (z.B. Roggen), auf dem zweiten Sommer-getreide (z.B. Gerste oder Weizen) und das dritte Feld lag brach bzw. diente dem Vieh als Weide, so daß der Boden sich von den zwei Vegetationsperioden erholen konnte und gleichzeitig durch die Ausscheidungen des Viehs gedüngt wurde. So wurde dann fortlaufend gewechselt. 

Zur Bodenbearbeitung standen den Bauern lediglich der (Holz-)Spaten und der einfache Hakenpflug zur Verfügung. Dieser Pflug wurde aus einem Eichenstamm mit Astgabel gefertigt und entweder von den Bauern selbst oder, sofern vorhanden, von Ochsen gezogen. Er eignete sich nur für leichtere Böden. Der effektivere Wendepflug, der den Boden nicht nur oberflächlich aufritzte, sondern gleichzeitig auch wendete, fand erst ab dem 13. Jhd. eine flächendeckende Verbreitung. 

Trotz dieser ökonomischen und technischen Fortschritte gab es immer wieder Mißernten durch Klimaschwankungen, Schädlingsbefall und auch die Vernichtung der bestellten Felder im Krieg. Der Ertrag der Felder war in der Regel nur max. doppelt so hoch wie das eingebrachte Saatgut, so daß jede schlechte Ernte nicht nur die Ernährung im Erntejahr selbst, sondern auch die Saat des nächsten Jahres gefährdete. 

Die Maßeinheit der Felder war nicht Quadratmeter oder Hektar, wie heute üblich, sondern die Hufe. Wie auch bei der Elle gab es hier große regionale Unterschiede. So konnte eine Hufe in einem Landesteil durchaus zwei Hufen in einem anderen Landesteil entsprechen. Die Bauern, die die Felder bewirtschafteten, nannte man Hufenbauern.

 

Literaturverzeichnis
  • Purrucker, Barbara, Hochmittelalterliche Bauernkleidung, Sonderausgabe aus "Waffen- und Kostümkunde" Zeitschrift der Gesellschaft für historische Waffen- und Kostümkunde, 1998 
  • N. Ellermann, G. Eggenstein, Der Sachsenhof in Greven, Schriftenreihe des Heimatvereins Greven 1982 e.V., Band 6 2. Auflage 201
  • Maggie Black, Küchengeheimnisse des Mittelalters, Sonderausg., Flechsig-Buchvertrieb, 1998
  • Bruno Laurioox, Tafelfreuden im Mittelalter, Lizensausg. Weltbild-Verlag, 1999 
  • Christiane Widmayr, Malve, Mangold und Melisse, BLV-Verlag 
  • Gurjewitsch, Aaron J., Stumme Zeugen des Mittelalters - Weltbild und Kultur der einfachen Menschen, Böhler Verlag Köln, 1997 
  • Penelope Hobhouse, Illustrierte Geschichte der Gartenpflanzen, Scherz-Verlag, Bern, München, Wien, 1999
  • Helen Farmer-Knowles, Der heilsame Garten, Weltbild-Verlag, 1998
  • Landesdenkmalamt Baden-Württemberg (Hrs), Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch, Theis-Verlag 1992

© Stephanie & Claus Winhard