Stoffe |
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Für die Anfertigung historischer Kleidung kommen natürlich nur Materialien in Frage, die auch damals hergestellt wurden, wobei zu berücksichtigen ist, daß Seide und Baumwolle im 13. Jhd. teure Importgüter und deshalb in der Regel dem Adel vorbehalten waren. Kunstfasern verbieten sich von selbst und auch für Samt, wie man ihn heute kennt, sind uns keine Belege bekannt. Hauptsächlich in Frage kommen:
Wenn wir von „Wolle“ sprechen, bezieht sich dies nahezu ausschließlich auf Schafwolle. Uns ist nichts über die Verwendung von Ziegenwolle bekannt. Merino oder auch Cashmere stammen von Schaf- bzw. Ziegenrassen, die im 13. Jhd. in unseren Breiten nicht vorkamen und sollten daher nicht verwendet werden. Moderne Schurwollstoffe sind in der Regel chemisch behandelt, d.h. ihnen wurde das Wollfett (Lanolin) zum größten Teil entzogen, sie sind motten- und filzsicher und damit relativ geruchsneutral und pflegeleicht. Leider gehen mit dieser Behandlung auch viele positive Eigenschaften der Wolle verloren, da wir heute flauschig-weiche Wolle bevorzugen und Wetterfestigkeit nicht mehr oberste Priorität hat. Dennoch findet man bei entsprechender Auswahl auch unter den industriell hergestellten Stoffen geeignete Qualitäten, die in ihrer Beschaffenheit an die Originalstoffe heranreichen. Der überwiegende Teil der noch erhaltenen und untersuchten Kleidungsstücke bzw. Stofffragmente war mehr oder weniger stark gewalkt, um die Strapazierfähigkeit und Wetterfestigkeit zu erhöhen. Häufig wurden die Schafe vor der Schur durch fließendes Gewässer getrieben, um groben Schmutz und Parasiten zu entfernen. Nach dem Scheren wird die Wolle entsprechend der Haarqualitäten und dem Farbton sortiert und letzte Verunreinigungen entfernt. Um einen gleichmäßigen Faden gewinnen zu können, muß die Wolle gekämmt (kardiert) werden. Danach kann sie versponnen werden. Aus der einjährigen Flachspflanze (Linum usitatissimum, dt. der sehr nützliche Lein) wurden sowohl Fasern zur Herstellung von Leintuch als auch, aus deren Samen, Öl gewonnen. Im 12. und 13. Jahrhundert war Deutschland im Flachsanbau weltweit führend. Eine blühende Leinenproduktion entstand u.a. in Schlesien, Schwaben und Westfalen. Um aus der Pflanze ein Garn zu gewinnen, sind zahlreiche Arbeitsschritte notwendig: Flachs wird bei der Ernte nicht geschnitten, sondern mit der Wurzel herausgerissen (gerupft), da die zur Garnherstellung benötigten langen Fasern bis in die Wurzeln hinabreichen. Die geerntete Pflanze wird getrocknet, bis die Samenkapseln mit einem Metallkamm abgestreift (geriffelt) und zu Öl verarbeitet werden können. Der
Stengel selbst besteht aus verschiedenen Schichten, die durch
Pflanzenleim (Bast oder
Pectin) zusammengehalten werden (s. Schemazeichnung).
Nachdem vom 12. Jhd. die Verarbeitung von Baumwolle in Italien begann, kamen auch Barchentgewebe nach West- und Nordeuropa. Barchent besteht aus einer Kette aus Leinen und einem Schuß aus Baumwolle und wurde zumeist in Köperbindung gewoben. Barchent ist leichter und geschmeidiger als Leinen und läßt sich aufgrund des Baumwoll-Anteils auch leichter färben. Dies trug zum großen Erfolg des Mischgewebes bei. Später verdrängte die Barchent-Weberei häufig die traditionelle Leinen- und Wollweberei. Die Verarbeitung reiner Baumwolle ohne Beimischungen ist in Deutschland erst ab 1360 n.Chr. nachgewiesen. Vorher wurden Baumwollstoffe über Oberitalien eingeführt. Eine Verwendung als Kleidungsstoff für die hochmittelalterliche Alltags-Darstellung sollte deshalb unterbleiben. Echte Seide wird aus den Kokons der Maulbeerspinner-Raupe (Bombyx Mori) gewonnen. Hierzu werden die Kokons in heißem Wasser eingeweicht und die einzelnen Fäden abgewickelt und auf Haspeln getrocknet. Anschließend wird der Seidenbast, den die Raupe zum Verkleben des Fadens benutzt, in Seifenwasser entfernt und der Faden „beschwert“, d.h. in einer Metallsalzlösung (meist Zinnverbindungen) gebeizt (getränkt). Nun kann die Seide gefärbt werden. Die Seidenproduktion ist bereits seit Jahrtausenden in China bekannt. Im Jahre 552 n.Chr. wurden die berühmten byzantinischen Seidenwebereien in Konstantinopel gegründet. Da der Aufwand der Seidenproduktion recht hoch ist (Anpflanzung von Maulbeerbäumen, tägliche Fütterung der Raupen, geringe Ausbeute, etc.), werden auch sämtliche Reste zu minderwertigerer Seide (z.B. ungleichmäßige Schapp- oder Bouretteseide) verarbeitet. Die sogenannte Wild- oder Tussahseide wird aus den Kokons des wildlebenden asiatischen Eichen- oder Tussahspinners (Antheraea pernyi u. A. mylitta) gewonnen, deren Kokons nicht haspelbar sind und ist für eine hochmittelalterliche Darstellung nicht geeignet. Häufig verarbeitete man verschiedene Materialien zusammen zu luxuriösen Stoffen. Seidengewebe wurden mit hauchdünnen Edelmetallstreifen zu komplexen Mustern verwoben (Brokat). Damaste entstehen durch eingewebte Muster, enthalten aber keine Gold- oder Silberfäden. Häufig wurden diese Stoffe noch zusätzlich mit Edelsteinen oder Perlen bestickt. bezeichnet einen häufig doppellagig gewebten und gemusterten Seidenstoff und keinesfalls, wie häufig geglaubt, den heute bekannten Samt. |
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Der Krönungsmantel, Palermo, königliche
Hofwerkstatt, 1133/34 |
Herstellung und Verarbeitung von StoffenUm aus vielen losen Fasern ein Garn zu
gewinnen, müssen diese miteinander verdrillt werden. Schon in
der jüngeren Steinzeit geschah dies mit der einfachen
Handspindel. Diese besteht aus einem ca. 30 cm langen
geraden Holzstab. Am unteren Ende befindet sich der sogenannte Wirtel,
ein Schwunggewicht, das meist aus Ton, aber auch Stein, Knochen
oder Holz, hergestellt wurde. Eine kleine Nut am oberen Ende des
Stabes dient zur Aufnahme des Fadens, damit er beim Spinnen
nicht von dem glatten Holz abrutscht. |
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| Man nimmt nun beispielsweise etwas von der gekämmten Wolle, zupft einige Haare aus dem Knäuel hervor und verdreht diese mit den Fingern zu einem provisorischen Faden. Das Ende wickelt man in die Nut des Holzstabes, wo man den Faden mit einem Schlingknoten befestigt. Nun nimmt man die Wolle in die linke Hand und etwas von der Wolle zwischen Daumen und Zeigefinger. Mit der rechten Hand versetzt man die an dem provisorischen Faden hängende Spindel in Drehung. Während sich die Spindel Richtung Boden dreht, zupft man mit der Hand weitere Fasern aus dem Vorrat. Die Drehung der Spindel verdrillt die einzelnen Haare umeinander, so daß ein durchgängiger Faden entsteht. So geht man weiter vor, bis die Spindel mit ihrer Spitze den Boden erreicht hat, löst den Schlingknoten, wickelt den gesponnenen Faden um den Holzstab und befestigt den Faden wieder mit einem Schlingknoten. Nun kann mit dem Spinnen fortgefahren werden. |
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Weben ist die kreuzweise Verbindung von
senkrechten Kett- und
waagerechten Schußfäden
zu einem zusammenhängenden Gewebe. Dies geschah bis zur Einführung des
waagerechten Trittwebstuhls im 13./14. Jhd. überwiegend mit dem
Gewichtswebstuhl. Dieser Hochwebstuhl funktioniert nach einem
einfachen Prinzip: Auf zwei schräg gegen die Wand gelehnten Ständern
liegt der sogenannte Tuchbaum.
Von diesem hängen die senkrechten Kettfäden herunter und
werden unten durch Gewichte straff gehalten. Die Kettfäden werden in Gruppen eingeteilt.
Je nachdem, wie diese Einteilung geschieht, ergeben sich
unterschiedliche Webmuster (Bindungen).
Die einfachste ist sicherlich die Tuch- oder Leinwandbindung.
Hierbei trennt man jeden zweiten Kettfaden durch den Trennstab,
der im unteren Drittel des Webstuhles angebracht wird. Da der
Webstuhl schräg steht, fallen die Kettfäden, die nicht vom
Trennstab gehalten werden, senkrecht nach unten. Das natürliche
Fach entsteht. Nun führt man durch dieses natürliche Fach
den waagerechten Schußfaden und schlägt ihn nach oben mit dem
Webschwert oder der Hand fest an. Das zweite Fach wird mit Hilfe des Litzenstabes gebildet. Die nicht vom Trennstab gehaltenen, senkrecht nach unten gespannten Kettfäden sind mit diesem durch Schlingösen verbunden. Zieht man nun den Litzenstab nach vorn, gleiten die daran befestigten Kettfäden zwischen den anderen Kettfäden hindurch und bilden das künstliche Fach. Durch dieses wird wiederum der Schußfaden geführt und nach oben angeschlagen. Durch Lösen des Litzenstabes gleiten die Kettfäden zurück und es bildet sich wieder das natürliche Fach. Je nach Bindung wird mit unterschiedlich vielen Litzenstäben gearbeitet. Der fertige Stoff wird auf dem Tuchbaum aufgewickelt. |
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Hochmittelalterlicher Gewichtswebstuhl, Schemazeichung |
Seitenansicht |
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Hochmittelalterlicher Gewichtswebstuhl,
Rekonstruktion |
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Neben der Tuchbindung,
die häufig für das Weben von Leinen verwendet wird, und bei
der der Schußfaden jeweils abwechselnd vor und hinter einem
Kettfaden verläuft, gab es verschiedene andere Webarten. Zu den
häufig verwendeten zählt auch die Köperbindung: Hier läuft der Schußfaden in der ersten
Webreihe beispielsweise jeweils hinter und vor zwei Kettfäden
(2/2-Köper). In der zweiten Reihe verschiebt sich dies um je
einen Faden, so daß ein diagonal verlaufendes Webmuster
entsteht. Von der Köperbindung gibt es zahlreiche Variationen,
wie Diamant- und Spitzköper oder Fischgratbindung. 2/1-Köper,
bei der der Schußfaden vor zwei und hinter einem Kettfaden verläuft,
ergibt bei unterschiedlicher Färbung von Kette und Schuß ein
Doubleface-Gewebe, bei dem auf der Vorderseite stärker die
Farbe des Schußfadens, auf der Rückseite die der Kettfäden
hervortritt (deutlich zu erkennen z.B. bei Jeans). Durch die größere Anzahl der
Fadenverkreuzungen ergeben Tuchbindungen festere Gewebe als Köperbindungen.
Durch die unverkreuzte, glatte Führung des Schußfadens über
mehrere Kettfäden, weisen Gewebe z.B. in Atlasbindung häufig
einen schönen Glanz auf. Die Breite der Stoffe wurde durch die Armlänge
der Weber begrenzt - die ja die Schußfäden durch die Fächer
reichen mußten - und betrug meist zwischen 60 und 90 cm. Erst
die Einführung des horizontalen Trittwebstuhles, der ein
„Durchschießen“ des Webschiffchens auf den horizontal
verlaufenden Kettfäden erlaubte, machte die problemlose
Herstellung breiterer Gewebe möglich. Die Webdichten waren sehr unterschiedlich.
Grobe Wollgewebe weisen bis zu 30 Fäden auf 2 cm auf, mittlere
30-40, feine 40-50 und sehr feine bis zu 120 (Textilfunde aus
Haitabu). Die übliche Maßeinheit für Stoff war die Elle, jedoch konnte die absolute Größe der Elle regional sehr unterschiedlich ausfallen. Unter Einbeziehung verschiedener zeitgenössischer Texte macht es aber Sinn, eine Elle mit ca. 45 cm anzunehmen. |
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Tuchbindung |
2/2 Köper |
Fischgratköper |
Diamantkaroköper |
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2/1 Köper |
Spitzkaroköper |
Spitzgratköper |
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Da Kleidung in erster Linie vor
Witterungseinflüssen schützen sollte, mußten die Stoffe
entsprechend strapazierfähig, wasserabweisend, winddicht und wärmend
sein. Hält man Stoff gegen das Licht, erkennt man unzählige
"Löcher" im Gewebe, durch die nicht nur Licht,
sondern auch Wind und Nässe dringen können, was durch das
entsprechende Ausrüsten
des Gewebes eingeschränkt werden kann. Dazu dienten bei
Wollgeweben hauptsächlich folgende Methoden: Das in der Wolle enthaltene Wollfett (Lanolin)
hält die Fasern geschmeidig und bereits relativ
wasserabweisend. Um das Gewebe weiter zu verdichten, kann man es
walken. D.h. unter
Druck (Treten des Stoffes mit dem Füßen), Wärme und Zugabe
einer Walkflüssigkeit (z.B. Tonerde und heißem Wasser) quellen
die Fasern auf und verfilzen miteinander, so daß die Weblöcher
geschlossen werden und ein gleichmäßiges dichtes Tuch
entsteht. Diese Art der Walke ist bereits seit der Bronzezeit
bekannt. Später gab es auch spezielle Walkmühlen, deren
Benutzung allerdings abgabepflichtig war. Zur weiteren
Veredelung von Wollgeweben nach dem Walken gehört das Aufrauhen
mit Wollkratzern oder Kardedisteln. In diesem gerauhten Gewebe
bilden sich isolierende Luftpolster, die sowohl vor Kälte als
auch vor Wärme schützen. Die so behandelten Stoffe ähneln
unseren heutigen Lodenstoffen. Rohhanf und -leinen hat eine bräunliche bis grünliche Färbung. Um den Stoffen einen reineren Weißton zu verleihen, wurden sie gebleicht. Dazu wird der nasse Stoff bei Sonnenschein im Gras ausgebreitet. Das Sonnenlicht wandelt das Wasser zum Teil in Wasserstoffperoxid um, welches einen entfärbenden Einfluß hat. Die chemische Wirkung wird bei dieser Rasenbleiche durch den Sauerstoff, der durch Assimilation bei Sonnenlicht im Gras entsteht, ausgelöst. |
Literaturverzeichnis
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© Stephanie Kleine-Beck & Claus Winhard |