Küche

Um einen Einblick in die Ernährung der Menschen im Mittelalter zu erhalten, muß man unterschiedliche Quellen auswerten. Dazu zählen vorrangig makrobiologische Untersuchungen von Latrinenfunden (Abfallgruben), schriftliche Belege (z.B. Rechnungsbücher, Landgüterverordnung Karls des Großen) und zeitgenössische Kochbücher. Aber auch Reiseberichte von Kaufleuten und Pilgern sowie diverse Darstellungen von Essensszenen in der Kunst geben einen Aufschluß über die Speisen der damaligen Zeit.
Deutlich unterscheiden muß man in dem Zusammenhang zwischen den üppigen Festbanketten, von denen es zahlreiche schriftliche Überlieferungen gibt, und der alltäglichen Mahlzeit des Volkes. Auch wenn die Menüfolgen der Bankette von einer nicht gerade primitiven Kochkunst zeugen, muß man sich doch vor Augen halten, daß sie vermutlich eben wegen ihrer Seltenheit und Außergewöhnlichkeit schriftlich festgehalten wurden. In der Regel sollte man davon ausgehen, daß sich die Speisen der Adligen im Alltag nicht sonderlich von denen des einfachen Volkes unterschieden. 


Getreide
war die Hauptnahrung der Menschen. Da es oft in jedem Dorf nur einen gemeinschaftlich genutzten Backofen gab, wurde das Getreide vermutlich hauptsächlich als Brei und nicht als Laibbrot verzehrt. Alle anderen Speisen waren "Zugaben zum Brot". Das Korn - je nach Region variieren die Anteile an Roggen, Dinkel, Weizen, Hafer und Hirse - wurde entweder mit Handmühlen gemahlen oder auch in Wind- oder Wassermühlen, die dem Grundherren gehörten und deren Benutzung abgabepflichtig war. Diese Abgaben waren häufig in Form eines festgelegten Anteils des gemahlenen Getreides an den Müller zu leisten. Brot wurde in erster Linie als grobes Schwarzbrot gebacken. Feingemahlenes weißes Weizenbrot blieb dem Adel vorbehalten. 

Fleisch
war eine beliebte Ergänzung zum Brot, stand jedoch - durch die Einschränkung des Jagdrechts bei den Bauern und die häufigen Fastentage, die den Verzehr von Fleisch untersagten - relativ selten auf dem Speiseplan. Schweine-, Rind- , Schaf- und Lammfleisch gehörten sowohl beim Adel als auch bei den Bauern zur fleischlichen Nahrung, sowie Geflügel und Fisch, die auch während der Fastentage gegessen werden durften, während Wild vornehmlich den höheren Ständen vorbehalten war. Aber auch Hunde, Katzen und Vögel galten als Nahrungslieferanten. 

Obst und Gemüse
stellte eine wichtige Vitaminquelle dar. Es wurde entweder angebaut oder wild wachsend gesammelt. Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, daß Obst kaum frisch verzehrt wurde, sei es aus Gründen der Lagerfähigkeit oder einer befürchteten Gesundheitsgefährdung. Durch die Wachstumsansprüche der Pflanzen ergeben sich zum Teil recht große Unterschiede in der regionalen Verbreitung. Hauptsächlich spielten Äpfel, Birnen, Süß- und Sauerkirschen, Quitten, Pflaumen und verschiedene Beeren, aber auch in klimatisch günstigen Räumen Aprikosen und Pfirsiche, Feigen und Maulbeere eine Rolle. Beim Gemüse erstreckte sich die Auswahl über Kohl, Rüben, Erbsen, Bohnen, Linsen, Pastinaken, Mangold, Möhren, Gurken und Rettich.

Kartoffeln, Mais und Paprika,
die heute kaum noch aus der Küche wegzudenken sind, kamen erst mit der Entdeckung Amerikas 1492 nach Europa und auch die Zuckerproduktion fand erst im 16. Jahrhundert ihren Anfang! 

Sonstiges
Ergänzend zu den o.g. wichtigen Lebensmitteln bereicherten auch Nüsse, Pilze, Honig, Eier, Kräuter und Gewürze den Speiseplan.

Gewürze 
spielten im Mittelalter eine große Rolle. Neben den heimischen, wildwachsenden Kräutern, spiegelten die von Kaufleuten importierten Gewürze, wie Pfeffer, Muskat, Zimt und Safran den Reichtum der Leute wider ("Pfeffersack"). Salz diente gleichsam als Konservierungsmittel. Ebenso sagte man vielen Gewürzen eine heilsame Wirkung nach. 

An Getränken 
gab es Wasser, (verdünnter) Wein, der häufig mit sehr vielen Gewürzen "veredelt" wurde, Bier, Most und Milch. 

Zubereitung der Nahrung
Durch die fehlende Kühlmöglichkeit gab es unterschiedliche Methoden, Lebensmittel lagerfähig zu machen und damit ihre Verwendungsdauer zu verländern. Fleisch und Fisch konnte geräuchert, getrocknet oder gepökelt (eingesalzen) werden. Gemüse (besonders Wintergemüse wie Kohl und Pastinaken) sind auch ohne Kühlung in Erdmieten lange haltbar. Weiterhin wurden Früchte, Beeren, Gemüse und Pilze gedörrt. Nach Meinung der damaligen Mediziner war der Genuß von frischem Obst gesundheitsschädlich!
Das Kochen war sehr mühselig. Da sich das Herdfeuer direkt auf dem Boden befand, hatte man nur knieend oder hockend Zugriff auf die Töpfe, die Speisen mußten häufig umgerührt werden, um ein Anbrennen zu verhindern und man war - durch den fehlenden Kamin - ständig dem Rauch und der Hitze ausgesetzt.

Küchengeräte
Große Eisen-, Bronze- oder Kupferkessel kamen erst im späteren Mittelalter auf. Bis dahin wurde das Essen zumeist in tönernen Kugeltöpfen zubereitet, die man direkt in die Glut des Kochfeuers stellte. Tontöpfe waren sehr empfindlich: Sie zerbrachen häufig bei starken Temperaturschwankungen (Nachgießen von kaltem Wasser) und harten Stößen (Abklopfen des Holzlöffels). Auch ließen sich Kugeltöpfe nicht in unbegrenzter Größe herstellen, so daß ein Gericht für viele Personen auf mehrere Töpfe verteilt werden mußte. Neben den Kugeltöpfen, die regional unterschiedlich aussehen konnten, gab es noch Grillroste und Fleischspieße. 
Das Geschirr bestand überwiegend aus Holz. Aus vielen Holzbrettchen zusammengesetzte Schüsseln und Becher (ähnlich den alten Holzfässern) waren sowohl beim einfachen Volk als auch beim Adel das Standardgeschirr. Daneben gab es gedrechselte Becher und Schüsseln, ebenso getöpferte Becher, Kannen und Schalen. Für besondere Anlässe gab es bei den reichen Adligen und später ebenso bei den begüterten Stadtbürgern auch Geschirr aus feinerer Keramik, in Tierformen gestaltete Kannen, die s.g. Aquamanile, Waschschüsseln und Gefäße aus Glas. Im Spätmittelalter kam Zinngeschirr in Mode. 
Löffel und Messer bildeten das normale Besteck. Gabeln waren (mit Ausnahme der Vorlegegabel) wegen ihrer zwei Zinken sehr umstritten (Teufelswerkzeug), auch wenn ihre Benutzung z.B. in Italien durchaus üblich gewesen zu sein scheint.

 

Literaturverzeichnis
  • Purrucker, Barbara, Hochmittelalterliche Bauernkleidung, Sonderausgabe aus "Waffen- und Kostümkunde" Zeitschrift der Gesellschaft für historische Waffen- und Kostümkunde, 1998 
  • N. Ellermann, G. Eggenstein, Der Sachsenhof in Greven, Schriftenreihe des Heimatvereins Greven 1982 e.V., Band 6 2. Auflage 201
  • Maggie Black, Küchengeheimnisse des Mittelalters, Sonderausg., Flechsig-Buchvertrieb, 1998
  • Bruno Laurioox, Tafelfreuden im Mittelalter, Lizensausg. Weltbild-Verlag, 1999 
  • Christiane Widmayr, Malve, Mangold und Melisse, BLV-Verlag 
  • Gurjewitsch, Aaron J., Stumme Zeugen des Mittelalters - Weltbild und Kultur der einfachen Menschen, Böhler Verlag Köln, 1997 
  • Penelope Hobhouse, Illustrierte Geschichte der Gartenpflanzen, Scherz-Verlag, Bern, München, Wien, 1999
  • Helen Farmer-Knowles, Der heilsame Garten, Weltbild-Verlag, 1998
  • Landesdenkmalamt Baden-Württemberg (Hrs), Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch, Theis-Verlag 1992

© Stephanie Kleine-Beck & Claus Winhard